Wenn Funktionieren zur Falle wird

Warum starke Menschen oft zuletzt Hilfe suchen

«Mir geht es gut.»

Diesen Satz höre ich oft.

Und manchmal stimmt er.

Manchmal ist er aber auch die Antwort eines Menschen, der schon so lange funktioniert, dass er gar nicht mehr weiss, wie es ihm wirklich geht.

Menschen, die funktionieren, fallen selten auf.

Sie stehen morgens auf, obwohl sie erschöpft sind.

Sie gehen arbeiten, obwohl ihre Kräfte schwinden.

Sie kümmern sich um andere, obwohl sie selbst Unterstützung bräuchten.

Sie lächeln, organisieren, leisten und tragen Verantwortung.

Von aussen betrachtet scheint alles in Ordnung.

Doch hinter den Kulissen sieht die Realität oft anders aus.

Viele Menschen haben früh gelernt, stark zu sein.

Vielleicht mussten sie schon als Kind Verantwortung übernehmen.

Vielleicht haben sie gelernt, niemanden zu belasten.

Vielleicht haben sie die Erfahrung gemacht, dass sie Anerkennung vor allem dann erhalten, wenn sie leisten.

Aus einer Stärke wird mit der Zeit ein Lebensmuster.

Und irgendwann wird dieses Muster zur Falle.

Denn wer immer funktioniert, verliert oft den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.

Müdigkeit wird ignoriert.

Traurigkeit wird weggeschoben.

Enttäuschungen werden rationalisiert.

Grenzen werden überschritten.

Immer wieder.

Bis der Körper oder die Seele irgendwann nicht mehr mitmachen.

Viele meiner Klientinnen und Klienten sind erfolgreiche, engagierte und verantwortungsvolle Menschen.

Sie haben Familien aufgebaut.

Karrieren entwickelt.

Unternehmen gegründet.

Andere unterstützt.

Doch irgendwann stellen sie fest:

Ich funktioniere zwar noch.

Aber ich lebe nicht mehr wirklich.

Das Erschreckende daran ist, dass Funktionieren von unserer Gesellschaft belohnt wird.

Wer funktioniert, gilt als belastbar.

Wer funktioniert, gilt als stark.

Wer funktioniert, wird gebraucht.

Doch Stärke bedeutet nicht, alles allein tragen zu müssen.

Und Gesundheit bedeutet nicht, alles auszuhalten.

Manchmal zeigt sich wahre Stärke genau dort, wo wir aufhören zu funktionieren und beginnen hinzuschauen.

Wo wir ehrlich werden.

Wo wir uns eingestehen:

So möchte ich nicht weitermachen.

Nicht erst dann, wenn ein Burnout, eine Depression oder körperliche Beschwerden uns dazu zwingen.

Sondern jetzt.

Denn Sie sind nicht auf diese Welt gekommen, um nur zu funktionieren.

Sie sind gekommen, um zu leben.

Um zu lieben.

Um zu lachen.

Um sich berühren zu lassen.

Und um ein Leben zu führen, das sich nicht nur von aussen gut anhört, sondern sich auch von innen gut anfühlt.