Für Ziele ist fast alles möglich. Für Aufgaben nicht.
Warum wir uns erschöpfen, wenn wir versuchen, mit dem Leben fertig zu werden
Viele Menschen tragen heute unglaublich viel Verantwortung. Sie kümmern sich um ihre Kinder, ihre Partnerschaft, ihre Eltern, ihren Beruf, ihr Zuhause, ihre Gesundheit und oft auch noch um andere Menschen, die Unterstützung brauchen. Von aussen betrachtet wirken sie organisiert, engagiert und leistungsfähig. Sie schaffen viel. Oft sogar sehr viel.
Und dennoch begleitet viele von ihnen ein hartnäckiges Gefühl: Es reicht nie.
Egal wie viel erledigt wird, am Ende des Tages bleibt das Gefühl zurück, etwas vergessen zu haben. Noch eine E-Mail. Noch eine Rechnung. Noch ein Gespräch. Noch eine Aufgabe. Während eine Sache abgeschlossen wird, warten bereits drei neue.
Lange Zeit habe ich mich gefragt, weshalb so viele Menschen trotz enormem Einsatz das Gefühl haben, ständig hinterherzuhinken. Weshalb sie sich schuldig fühlen, obwohl sie objektiv betrachtet bereits mehr leisten als die meisten anderen.
Heute glaube ich, dass viele von uns einen entscheidenden Denkfehler machen.
Wir behandeln Aufgaben wie Ziele.
Dabei sind Ziele und Aufgaben grundverschieden.
Ein Ziel hat einen Anfang und ein Ende. Eine Ausbildung ist irgendwann abgeschlossen. Ein Buch ist irgendwann geschrieben. Ein Projekt ist irgendwann beendet. Ein Berg ist irgendwann bestiegen. Ziele schenken uns das Gefühl von Fortschritt. Wir sehen, dass wir näherkommen. Wir erleben Erfolg.
Aufgaben funktionieren anders.
Der Haushalt ist nie fertig. Die Wäsche ist nie fertig. Kindererziehung ist nie fertig. Eine Beziehung ist nie fertig. Freundschaften sind nie fertig. Selbstfürsorge ist nie fertig.
Und doch versuchen viele Menschen, genau dort dasselbe Erfolgserlebnis zu finden wie bei einem Ziel.
Sie möchten mit dem Haushalt fertig werden. Mit den E-Mails. Mit den Verpflichtungen. Mit dem Leben.
Doch das Leben ist kein Projekt, das abgeschlossen werden kann.
In meinem eigenen Leben habe ich irgendwann bemerkt, dass ich versuchte, bei Aufgaben dieselben Erfolgserlebnisse zu erreichen wie bei Zielen. Doch während eine Weiterbildung irgendwann abgeschlossen ist oder ein Projekt beendet werden kann, bleiben viele Aufgaben des Lebens bestehen. Familie, Haushalt, Beziehungen, Verantwortung oder die Sorge für andere Menschen verschwinden nicht. Die Erkenntnis, dass Aufgaben nicht perfekt erledigt werden müssen, sondern gut genug sein dürfen, hat meinen Blick auf Leistung und Gesundheit nachhaltig verändert.
Vielleicht liegt genau darin die Ursache vieler Erschöpfungszustände.
Wer glaubt, irgendwann mit allem fertig sein zu müssen, setzt sich selbst unter einen enormen Druck. Denn dieser Zeitpunkt wird niemals kommen. Es wird immer etwas geben, das Aufmerksamkeit braucht. Immer etwas, das noch erledigt werden könnte.
Besonders Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst geraten dadurch in eine Falle. Sie versuchen, gleichzeitig eine liebevolle Mutter oder ein liebevoller Vater, eine engagierte Partnerin oder ein engagierter Partner, eine erfolgreiche Berufsperson, eine gute Freundin, ein guter Sohn oder eine gute Tochter und gleichzeitig ein ausgeglichener Mensch zu sein.
Doch irgendwann wird aus dem Wunsch, allem gerecht zu werden, ein ständiges Rennen gegen die eigene Zeit.
Vielleicht brauchen wir deshalb einen anderen Blick auf unser Leben.
Nicht jede Aufgabe muss perfekt erledigt werden.
Nicht jede Ecke des Hauses muss aufgeräumt sein.
Nicht jede E-Mail muss sofort beantwortet werden.
Nicht jede Erwartung anderer Menschen muss erfüllt werden.
Vielleicht dürfen Aufgaben einfach Aufgaben sein.
Etwas, das wir nach bestem Wissen und Gewissen erledigen – ohne daraus ein weiteres Leistungsprojekt zu machen.
Denn das Leben besteht nicht nur aus Pflichten.
Es besteht aus Begegnungen. Aus Gesprächen. Aus Momenten, die wir nicht planen können. Aus Menschen, die wir lieben. Aus Lachen. Aus Ruhe. Aus Lebendigkeit.
Und genau dafür sollte genügend Energie übrig bleiben.
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit besserem Zeitmanagement.
Vielleicht beginnt sie mit der Erkenntnis, dass wir nicht mit dem Leben fertig werden müssen.
Wir dürfen es leben.